Was soll im Ernstfall medizinisch getan werden – und was ausdrücklich nicht? Die Kliniken des Landkreises Lörrach wollen den Willen ihrer Patientinnen und Patienten künftig noch systematischer erfassen. Im Rahmen der Vorbereitungen auf das Dreiland-Klinikum soll dafür ein neuer Standard eingeführt werden.
Alle volljährigen stationären Patientinnen und Patienten sollen möglichst innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Aufnahme nach ihren persönlichen Behandlungswünschen und Therapiezielen gefragt werden. Bei geplanten Aufenthalten soll das Gespräch möglichst bereits vor der Aufnahme stattfinden.
Fachärztin Vanessa Kolle und der Ärztliche Direktor Prof. Dr. Tilman Humpl
(© Dreiland-Klinikum Lörrach)
Klarheit für schwierige Situationen
Im Mittelpunkt steht die Frage, welche medizinische Behandlung ein Mensch im Fall einer schweren gesundheitlichen Verschlechterung wünscht. Dazu kann beispielsweise gehören, ob im Notfall eine intensivmedizinische Maximaltherapie durchgeführt werden soll oder ob bestimmte belastende Maßnahmen nicht gewünscht sind.
„Patientenzentrierte Medizin bedeutet nicht nur, medizinisch das Richtige zu tun, sondern auch das zu respektieren, was Patientinnen und Patienten für sich selbst als richtig ansehen“, erklärt Udo Lavendel, Vorsitzender der Geschäftsführung der Kliniken des Landkreises Lörrach.
Besonders wichtig wird die frühzeitige Klärung dann, wenn ein Mensch später selbst nicht mehr entscheidungsfähig ist. Denn Angehörige können den tatsächlichen Willen eines Menschen nicht immer sicher einschätzen.
Therapie begrenzen heißt nicht, allein zu lassen
Eine wichtige Botschaft der Kliniken: Eine Entscheidung gegen bestimmte intensivmedizinische Maßnahmen bedeutet keinesfalls, dass auf medizinische Versorgung verzichtet wird.
Wenn eine Maximaltherapie nicht gewünscht ist, wird gemeinsam festgelegt, welche Behandlungen sinnvoll und gewünscht sind. Dazu gehören beispielsweise Schmerztherapie, Symptomkontrolle und alle medizinischen und pflegerischen Maßnahmen, die der bestmöglichen Lebensqualität dienen.
Wünscht ein Patient hingegen eine umfassende medizinische Behandlung, sollen alle medizinisch sinnvollen Möglichkeiten ausgeschöpft werden – einschließlich intensivmedizinischer Maßnahmen.
Die jeweiligen Wünsche werden dokumentiert. So erhalten Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und Angehörige auch in zeitkritischen Situationen eine klare Orientierung.
Intensivstation © Nurul stock adobecom (Generiert mit KI)
Angehörige können sich irren
Wie schwierig es sein kann, den Willen eines anderen Menschen einzuschätzen, zeigt auch eine im April im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichte Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.
Demnach stimmten die Einschätzungen von Angehörigen und der tatsächliche Patientenwille in rund 82 Prozent der Fälle überein. Gleichzeitig fühlte sich nur etwas mehr als ein Drittel der Angehörigen sicher, medizinische Entscheidungen stellvertretend treffen zu können.
Die Erkenntnis daraus: Patientenverfügungen allein reichen nicht immer aus. Entscheidend sind vor allem frühzeitige und wiederholte Gespräche zwischen den Betroffenen, ihren Angehörigen und dem medizinischen Fachpersonal.
Ethik-Komitee unterstützt
Bei besonders schwierigen Situationen können die Kliniken auf ihr Klinisches Ethik-Komitee (KEK) zurückgreifen. Es wurde bereits im November 2024 institutionalisiert und unterstützt Patientinnen und Patienten, Angehörige sowie Mitarbeitende bei ethisch herausfordernden Fragen.
Das Komitee berät und moderiert, die medizinische Verantwortung bleibt bei den behandelnden Ärztinnen und Ärzten. Grundlage der Arbeit sind die Prinzipien Patientenautonomie, Fürsorge, Nichtschaden und Gerechtigkeit.
Selbstbestimmung als Teil moderner Medizin
Mit der systematischen Erfassung des Patientenwillens gehen die Kliniken des Landkreises Lörrach einen weiteren Schritt in Richtung einer Medizin, die nicht nur fragt, was medizinisch möglich ist, sondern auch, was der einzelne Mensch möchte.
Gerade bei schwierigen Entscheidungen kann diese Klarheit für Patienten, Angehörige und Behandlungsteams eine große Hilfe sein.
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